Zorin OS 15.2 Core im Test

Schon etwas am Markt, aber noch nicht so recht im Blickfeld. Wiedermal auf Ubuntu und GNOME basierend, soll am ehesten an Windows erinnern. Eine Bezahlversion und sogar auf bereits Hardware vorinstalliert. Was macht Zorin OS so anders? Und, funktioniert es?

Manche Pressemeldungen sehen in Zorin OS eher ein Problem, da zwei Russen (Kyrill and Artyom Zorin) es entwickeln. Diese sind zwar in Irland und das OS wird mittlerweile von Zorin OS Technologies Limited entwickelt, aber man kann es ja nicht jedem recht machen. Das ist natürlich Blödsinn.

Kurz gesagt starteten diese 2008 und heute, in 2020, ist Zorin OS nicht nur eine Ubuntu basierende Distribution, sondern kommt in vier Versionen daher, mit eigenem Aussehen und teils Eigenentwicklungen. Mit Zorin Grid kommt demnächst noch ein weiteres Projekt hinzu, welches die Massenverwaltung bzw. Orchestrierung von dutzenden Computern mit Zorin OS vereinfachen soll. So wurde seit 2016 in Vicenza, Italien, auf Zorin OS umgestellt und pfeift seither auf Windows. Für solche Einsatzzwecke wird Zorin OS womöglich das Salz in der Wunde für die eingesessene Konkurrenz sein – den das könnte einfache, schnelle und auch günstige Massenverwaltung von Computern in Firmen, Verwaltungen und auch Schulen.

Nach einigen Tagen mit dem System lässt sich zumindest eines sagen: Ich kann verstehen, warum das OS erfolgreich ist. Sogar ich bin von einigen Sachen angetan.

Installation

Die Installation geht wie immer bei Ubuntu basierenden Distributionen einfach von der Hand, wer das einmal gemacht hat, schafft das auch hier. Laien brauchen sowieso Hilfe.

Erster Start

Der Login Screen kommt einem als GNOME User sofort bekannt vor, hier in einer etwas älteren Version (da dies im aktuellem GNOME gerade umgestaltet wurde). Mit dem eingegebenen Passwort kommt man auf den Desktop und schon wird man an Windows erinnert. Oder anders gesagt: man findet sich gleich zurecht. Zumindest grundsätzlich.

Leere Screen nach dem Start. Bekannte Aufteilung und Ausrichtung.

Als typischer PC User ist vom Gefühl her auch alles dort, wo man es erwartet. Launcher links unten, Apps in der Leiste daneben, rechts findet man typisch die Uhr, Kalender und auch die Benachrichtigungen. Das ist vielleicht nur deshalb etwas irritierend, da das Popup für Benachrichtigungen am Display oben in der Mitte aufpoppen, dort aber nichts ist – da sich alles rechts unten abspielt. Gewöhnungssache.

Der Launcher macht womöglich vielen gleich Freunde, denn er ist knackig gehalten, übersichtlich und funktional. Das ist eine Eigenentwicklung, die gerne an frühere Windowstage erinnert. Grundsätzlich gibt es Kategorien für Programme und Verknüpfungen in die wichtigsten Ordner. Was mir gefallen hat war auch, dass bei installierten Chrome Apps, diese in einer eigenen Kategorie organisiert werden. Ein sehr nettes Detail!

Ein einfacher, leicht verständlicher Launcher – wie in alten Zeiten 🙂

Individual und Individualisierung

Eine Sache die Zorin OS recht unterscheidet, ist der Mut, dem User einige Design-Kniffe zu übergeben. So gibt es ein einfaches Programm, welches sich “Zorin Appearance” nennt und sogar in der Core Version, kann man einiges an eigene Bedürfnisse anpassen.

Was soll am Desktop sein? Wie sollen die Icons in der Leiste angezeigt werden? Welche Akzentfarbe ist dir recht? Heller oder dunkler Modus? Schriftarten und verschiedene Einstellungen wie “Prozentsatz für Akkuladung” oder “Anwendungen gruppieren” sind nur einige Beispiele, was noch möglich ist.

Ein einfaches Programm, mit viel “persönlicher” Wirkung.

Gesamt ist das vor allem eines – Persönlich. Denn man kann mit wenigen Klicks sich seinen Desktop an sich selbst anpassen. Das klingt eventuell nicht fundamental, da es meist nur ein paar Farben usw. sind, doch der Fokus ist in dem Fall wichtig: Ich. Der User. Etwas, das vieles Systeme nicht so würdigen, wie es sein sollte. Denn am Ende geht es um den User. Nur um den User.

Design

Nicht außer Acht lassen können wir das Design. Das ist allgemein nämlich als sehr gelungen zu bezeichnen. Wie eine Mischung aus vielem Gutem und einem vorsichtigen Minimalismus. Das System ist in erster Linie hell und freundlich, einladend für viele – würde ich sagen. Weiß, Grauabstufungen und dunkle Schriften lassen Icons, oder eben Inhalte wichtig erscheinen. Was wiederum ein lobenswerter Weg ist, wenn das OS sich nicht zu wichtig nimmt.

Noch mehr Einstellungen für das Design, das insgesamt bereits sehr stimmig ist

Gänzlich lässt sich natürlich nicht die Nähe zu GNOME abschreiben. Was das Design angeht, muss das nicht schlecht sein. Es gibt genug GNOME Apps die direkt übernommen wurden, aber eben entsprechend gestylt sind. Hier und da fehlt noch etwas Feinschliff, wie eventuell das animierte Icon wenn man auf etwas warten muss, aber ich denke, das wird sich auch anpassen über die Jahre.

Grundsätzlich ein angenehmer, zurückhaltender Minimalismus, der aber funktioniert.

Apps und Programme

Hier gibt es wie oft wenig zu berichten – die typischen Verdächtigen sind vorinstalliert und das System ist auch von der Installation ab nutzbar. Libre Office ist dabei, wenn auch in einer älteren Version. Das konnte ich mit Snaps aber lösen, da mir das beim Arbeiten wichtig ist.

Firefox, Datensicherung, Musik kann man spielen und verwalten, diverse Spiele und Shotwell für Fotos, sowie GIMP zum Fotobearbeiten. Evolution für Mails. Das ganze wird dann noch mit diversen anderen Apps und Programmen gefüllt, den Rest bekommt man natürlich aus dem Store.

Kurz gesagt eine recht durchdachte Auswahl, die für viele ausreichen wird. Wie typisch für Linux ist das System aber nicht beleidigt, wenn man andere Wege gehen will. Wie eben Chrome mit Chrome Apps, die eine eigene Launcher Kategorie bekommen. Thunderbird, Sublime Text, Nextcloud. Alles kein Problem.

Arbeitsalltag

Wenn man Ubuntu als OS Basis und GNOME als Oberflächen-Basis hat, kann man schon erwarten, dass der OS-Alltag eine gewisse Langeweile haben wird – das aber nicht unbedingt negativ gedacht. Denn vieles funktioniert einfach und das ist auch gut so. Denn man möchte natürlich nicht ständig mit seinem System diskutieren müssen, oder gar immer mal wieder frickel und basteln.

Wie in anderen Distributionen auf der Basis läuft das System einfach, man kann sich auf die Arbeit und Inhalte konzentrieren. Die Softwareauswahl, auch im Store ist, soweit ich beurteilen kann, aus Ubuntu übernommen. Vieles davon sind mittlerweile Snaps, was nicht stört, solange sie funktionieren. Außerdem wurde an manchen Ecken und Enden etwas angepasst – so gibt es einen “Starten” Button nach der Installation im Store, das war’s dann aber denke ich.

So kamen Spiele wie 0 A.D. und Apps wie Sublime Text auf den Rechner, beide liefen ohne Zutun sofort – womöglich etwas länge Startzeiten, aber vernachlässigbar. Alles im Rahmen, alles ohne Probleme soweit. Das selbe gilt auch für LibreOffice. Leider gab es noch keine Version 7, außerdem ist es komisch, dass der Standard-Pfad beim Speichern sich im Snap-Ordner befindet. Warum nicht direkt in die Dokumente?

Thunderbird, Chrome, Nextcloud – meine wichtigsten Apps laufen. Natürlich auch Steam. Testspiele wie Flatout, Counter Strike: Source, Banished und andere Kandidaten laufen – teils auch mit Steam Play – ohne größere Probleme. Wie zu erwarten läuft Anno 1404 nicht out of the box. Das Warten geht weiter.

Steam mit meinem Standard-Wunschkandidaten

Wine, als Windows Kompatibilitätsschicht, wurde auch angeworfen und mit einfachen Programmen getestet. Leider gilt auch hier – man kennt sich schwer aus bei manchen Sachen. Alleine die Installation: Man sucht nach “wine” im Store und hat keinen Plan was man installieren soll. Das Paket das nur “Wine” heißt liegt gerade in einer 4.0.3 Version vor – Version 5 gibt es aber seit Jänner 2020. Beim ersten Start konnte ich Mono und Gecko usw. nicht installieren, dann begann mal wieder die Odyssee.

Heruminstalliert und dann irgendwann gemerkt – wenn alles deinstalliert ist, braucht man nur eine EXE Datei öffnen und alles installiert sich von alleine. Was zwar nett ist, aber Mono, Gecko und Co hat man mir auch dann nicht wieder vorgeschlagen, zu installieren. Womöglich eine Config Datei die das abgespeichert hat. Ein Löschen des Inhaltes im Persönlichen Ordner und dort .wine konnte das Problem lösen – doch installieren wollte er die Fehlenden Elemente auch nicht, da scheiterte es am Download. Eigenartig. Also Ordnerinhalt nochmals gelöscht und nochmal in die Config – 10 Minuten laufen lassen, leider kein Erfolg.

Denke, eine Neuinstallation könnte das lösen, hatte den Fehler auch vorher noch nie. Normal ist es so, dass sich das in Zorin direkt konfiguriert und man hat kaum was zu tun oder Probleme. Ist quasi ein besonderes Merkmal, das Windows Programme ohne großes Zutun laufen sollten. Darum denke ich, es lang an der Frickelei – die ich mir eben ersparen hätte können.

Ansonsten finde ich nur die GNOME Tastaturkürzel etwas irritierend. Weil einerseits praktisch, kennt man diese schon von anderen Systemen.Doch andererseits kann man so auch den originalen GNOME App-Drawer öffnen. Man umgeht sozusagen den Zorin Launcher. Ansonsten finde ich wie in GNOME selbst auch die Suche über die Windows/Super Taste hilfreich, da spart man sich viel Suchen und Klicken.

Fazit

Nach allem was ich gesehen habe ist das Fazit recht klar – es gefällt! Man merkt die Simplizität, die gewünschte Anlehnung an die Windows Welt und ein hübsches, doch flexibles Design, welches einfach von Haus aus änderbar ist. Da wünscht man sich, dass manche der Grundsätze zurück ins GNOME wandern würde, wie als Beispiel die Akzentfarbe. Die User-Orientierung gefällt mir gut. Außerdem ist hier nicht einfach das “alte” Windows nachgebaut, weil ich nicht auf moderne OS Funktionen wie Fensterübersichten und die globale Suche verzichten möchte.

In der Ultimate Version sind noch mehr Programme installiert, man erhält auch viel mehr Möglichkeiten wie man das Aussehen anpassen kann, mehr vorinstallierte Programme – doch hier zahlt man auch 39 Euro dafür. Wenn man das ganze unterstützen möchte, ist das aber auch eine nette Möglichkeit dies zu tun.

Auch die Lite Version ist eine gute Addition, da man hier ältere PCs und Laptops wieder fit machen kann. Sogar 1GB Arbeitsspeicher reichen oft aus, natürlich sehr abhängig, welche Apps man dann benutzt.

Wine ist entweder vorinstalliert, oder wird sehr einfach im Nachhinein installiert. Das spiegelt auch die Ausrichtung “Windows Alternative” wieder. Auch sehr gut, und kurz gesagt realistisch – denn alles läuft einfach nicht in Linux.

Zwar gibt es bei den Apps nicht immer die neuesten Versionen, das dürfte aber nicht für jeden ein Problem sein. Teils kann man dem im Store Abhilfe schaffen, auch danke Snaps.

Sieht modern aus, funktioniert einfach und schnell, ist gut vorkonfiguriert. Richtet sich an Umsteiger, Einsteiger und zukünftig noch stärker an Firmen und Verwaltungen, die nicht mehr von einem Großkonzern abhängig sein wollen. Oder einfach Menschen, die sich nicht mit dem OS beschäftigen wollen und wo das OS sich auch mehr auf den User einstellt.

Alles in allem also eindeutig eine Empfehlung.