KDE neon 5.21 im Test

In der Liste von Distrowatch kratzt KDE neon an den Top 10 und ist auf Basis von Ubuntu 20.04 LTS und mit immer aktuellem KDE ein interessanter Kandidat.

Auf den ersten Blick ist es ein System, das etwas an alte Windows Tage erinnert, das mit teils gutem, teils fragwürdigem Design daher kommt und seit eh und je als der große Konkurrent zu GNOME auftritt. Zumindest solange ich mich erinnern kann. Schon bei openSuse vor über 15 Jahren kam ich mit KDE das erste Mal in Kontakt.

Info: Beim Start des Tests kam es gleich zu einer ordentlichen Verzögerung von etwa zwei Wochen, da ich dann doch auf das 5.21er Update gewartet habe.

Installation

Wie so oft kann man auch hier davon ausgehen, dass Laien nicht damit zurecht kommen – insgesamt gab es aber keinerlei Probleme das System auf den Laptop zu bringen.

Erster Start

Der erste Start war dann doch der zweite Start, da ich dann eben noch auf das große Update gewartet habe. Das System ist wiedermal recht flink, der Login Screen zeigt sich noch eher minimalistisch – mit der aktuellen Version kann man auch erstmals “vernünftig” auf Wayland wechseln, würden alle Programme mitspielen. LibreOffice als Beispiel nicht.

LibreOffice und Wayland vertragen sind in KDE neon 5.21 noch nicht – Schriften und Zeichen sind ausgerissen und unscharf

Der blanke Screen nach dem Login verrät noch nicht viel, erinnert aber deutlich an Windows, was die Aufteilung der Elemente angeht. Das Startmenü ist komplett überarbeitet worden in der neuen Version, das hat den Vorteil, dass Programme und Places, also (Datei)Orte getrennt angezeigt werden. Das ist einerseits Übersichtlich, andererseits geht es direkt daneben dann mit “Sleep”, “Restart” und “Shut Down” weiter, was im selben Design ausgeführt ist und mich bereits zum unabsichtlichen Klicken eingeladen hat.

Das neue Startmenü

Immerhin findet man schnell seine benötigten Apps und auch die Einstellungen sollten ebenso schnell auffindbar sein. Rechts unten findet man die Uhr, dahinter per Klick, auch den schmucklosen und recht funktionslosen Kalender. Mehr als Tage anzeigen kann er scheinbar nicht.

Der “simple” Kalender

Wenn man sich durch das System klickt und alles mögliche ansieht, merkt man, dass es hier um oft das Gegenteil geht, als bei vielen anderen moderne Systeme. Minimalismus und vordefinierte Auswahl ist zwar vorhanden, aber scheinbar möchte man dem User viele Modifikationsmöglichkeiten in die Hand geben.

Hier schwingt für mich dann schon ein Gedanke mit: Dass man sich mehr mit dem System beschäftigen könnte, als dass man es als User eigentlich sollte. Oder möchte.

Außerdem musste ich die Bildschirm-Dimmung von zwei Minuten hoch drehen, da ich das als sehr nervig empfand, dass der Monitor immer gleich dunkler wird, außerdem war wiedermal das Touchpad nicht auf Tab-to-click eingestellt. Soviel also zum ersten Start.

Anpassungen

KDE neon erhält Neuerungen an KDE tatsächlich Tagesaktuell, was ich pünktlich am 16. Februar miterleben und updaten konnte. Das ist mal ein angenehmes Abweichen vom sturen 6-Monats-Rythmus der meisten Distributionen, die auf GNOME aufbauen. Andererseits nimmt es dem User die Freiheit, auch bei älteren Systemen zu bleiben.

Design

Wie bereits erwähnt bewegen wir uns hier auf Windows-Ähnlichen-Niveau und einer Designsprache, die in der aktuellen Version zwar verbessert wurde, aber dennoch am Anfang etwas Gewöhnung bedarf. Zwar ist alles schön hell und eigentlich auch strukturiert, aber eben die dünnen Linien, schmalen Schriften und oft nur marginal abgegrenzten Hintergründe als Beispiel, geben einen ein nicht ganz rundes, oder besser, fertiges Gefühl.

Bei anderen Distributionen hat man doch den Eindruck, dass alles eher aus einem Guss daher kommt. Zwar ist es hier im Grund auch so – doch gleichzeitig gibt es immer Elemente oder Kleinigkeiten, die den Schein wiederum trüben.

Die Systemeinstellungen – doch sehr viel auf einmal

Öffnet man die (sowieso recht verwirrenden und überladen wirkenden) System-Einstellungen, findet man alleine in der Kopfzeile das Icon der System-Settings, was insofern recht Nutzlos ist, dann einen Pin, der dafür da ist, dass man Fenster auf jedem Workspace anzeigen lassen kann (was sicherlich extreeeem oft verwendet wird und deshalb nicht im Rechtsklickmenü gelagert werden kann) und neben dem Fenster Maximieren, Minimieren und Schließen ist noch ein Fragezeichen – was helfen soll, aber in dem Fall nicht tut. Kurz gesagt: alleine in der Kopfzeile wird das Design und der Minimalismus, sowie die schnelle Übersicht zerstört, indem man unnötig viel platziert.

Selbst die einfache Passwortabfrage wirkt Überladen und unnötig kompliziert.

Weiters muss man fast sagen, dass die Icons auch nicht mehr den notwendigen Zweck erfüllen – weil sie vor allem zusammengewürfelt aussehen. Es scheint wenige Gemeinsamkeit zu geben (alleine die Größen der abgebildeten Elemente unterscheiden sich zumindest optisch oft voneinander). Alleine in den Einstellungen gibt es eine Reihe von Icons die, als Beispiel die Tastatur, im ersten Blick nicht immer erkenn- oder zuordenbar sind. Womöglich haben die Icons auch einfach zu viel Details um auch in kleineren Darstellungen zu funktionieren.

Man hat auch etwas das Gefühl eine frühere Version von KDE zu verwenden, womöglich, weil sich diese nicht so sehr verändert haben. Das ist zumindest mein Gefühl dahinter. Aber auch im neuen Launcher ist die Anreihung der Icons so klein, dass man bei Multimedia als Beispiel, nur mit Mühe einen Monitor erkennt. Geschuldet ist dies natürlich dem grau gezeichneten Monitorständer, der beinahe mit dem Hintergrund verschmilzt. Im Datei-Explorer gibt es wiederum graue Icons, sowie beim Shutdown Menü und Buttons – das stiftet womöglich auch unnötig weitere optische Verwirrung.

Icons in Starmenü
Icons im Datei-Explorer

Auch die Schriftarten sind wie gesagt oft zu dünn, auch die Schriftgrößen scheinen zu variieren und machen das Gesamtbild etwas nervös. Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass das Grunddesign durchaus Potential hat – sieht aber so zu sehr nach “Bastler-Linux” aus, auch wenn das womöglich einfach so gewünscht ist. Oder Altlasten mit sich trägt und man sich lieber mit den aktuellen Stärken und Usern weiter nach vorne bringt. Neue User haben es da schon schwieriger.

Apps und Programme

Die Grundausstattung ist recht marginal, nicht einmal LibreOffice ist vorinstalliert. Sollte aber kein Problem sein – dafür gibt es ja den Store, oder Discover, wie er sich nennt. Wie so oft kann man in diesem auch Softwareupdates machen, man muss aber zugeben, dass das “Erlebnis” im Store anderen weit hinterher hinkt. Selbst im Linux-Desktop-Vergleich. Man hat zwar eine Suche und das Wichtigste ist vorhanden, aber wer einen modernen Store erwartet, wird enttäuscht. Funktional, aber auch nicht viel mehr, leider.

Discover – das Softwarecenter, lässt mein Herz nicht gerade höher schlagen.

Allgemein lässt sich dank Flatpacks und Snaps auch fast alles wichtige installieren, auch die Versionen sind dadurch sehr aktuell, wie immer ist dafür die Dateigröße entsprechend angewachsen. Aber ja, meine wichtigsten Programme sind alle vorhanden und laufen wie in den meisten anderen Distributionen auch. VLC, Atom, Zenkit, Blender, Nexcloud Client aus dem Store sind kein Problem – auch Chrome war schnell per Hand installiert und alles läuft.

Arbeitsalltag

Wer das System einige Wochen am Laptop hat, fängt schnell an sich an alles zu gewöhnen. Wobei – gewöhnen? Das System bietet in dem Sinne keine extra neuen Wege oder spezielle Funktionen mit. Alles wirkt altbacken und ist es im Herzen wohl auch. Vor allem wenn man aus der Windows Welt kommt wird man kaum überrascht, ich kann mir sogar vorstellen, dass manche sich dem Startmenü gegenüber angetan sind, weil es eher dem alten Windows System gleicht als dem neuen.

Der Dateibrowser namens Dolphin bietet soweit auch alles – wirkt wie eine Mischung aus typischem Linux und typischen Windows. Persönlich nervig empfand ich allerdings das “ein Klick zum Öffnen” Einstellung. Sobald man in Dolphin etwas anklickt, öffnet es. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal auf das ich gerne verzichte, da man vor allem wenn man mit anderen Systemen auch noch arbeitet, hier immer wieder genervt auf “Zurück” klickt oder entsprechende Datei schließt. Ist aber durchaus Gewöhnungssache.

Dolphin mit den letzten Screenshots

Das neue Startmenü ist genauso funktionell, aber auch nichts besonderes. Immerhin bekommt man es hier hin, dass man den User als wichtig genug empfindet, dass man seinen Namen ins Startmenü hin schreibt. Das fehlt bei vielen, wie ich meine.

Window snapping, also Fenster einfach auf der linken oder rechten Seite des Desktops maximieren, funktioniert auch mit Viertel – und auch in der oberen und unteren Hälfte, was bei hochstehenden Monitoren praktisch ist. Entweder mit der Maus, oder mit Super/Windows Taste und den Pfeiltasten.

Fenster lassen sich auch auf ein Viertel “snappen” – was praktisch ist bei großen Monitoren

So etwas wie die Aktivitätenübersicht bzw. die “offene Fenster Übersicht” wie es die meisten Systeme heute haben, war nur per Tastenkombination Strg + F9 bzw. F10 zu finden, welches alle Fenster, oder nur die Fenster des aktuellen Desktops auflistet. Das ist wiederum ein gutes Beispiel wie das System gestrickt ist – man hat anstatt einer Auswahl gleich mehrere, dafür ist es auch schwerer zu bedienen. Ohne Hilfe hätte ich das nie gefunden. Da sind andere Systeme mit der Super/Windows Taste besser aufgestellt was Praxistauglichkeit angeht. Gesten am Touchpad wäre hier mal wieder der Traum. Dafür haben wir eine sehr präsente “Show Desktop” Taste, die ich im echten Leben wohl bereits sieben mal verwendet hab. Insgesamt.

Zwar funktioniert das switchen mit Alt+Tab gut wie in jedem System, aber das schnelle Wechseln und womöglich das arbeiten am Laptop ansich stellt sich eher als zäher heraus, da eben die notwendigen Kleinigkeiten fehlen. So muss man sich oft mit der Maus durchkämpfen oder eben die oft umpraktischen Tastenkombinationen nutzen. Da hat GNOME definitiv die Nase vorne, als Beispiel.

Wine war über das Softwarecenter auch schnell installiert und ich konnte meine Test-EXE auch sogleich öffnen – das ging erfreulich leicht und so sollte es auch sein.

Der Foto-Viewer mit einem Screenshot vom Softwarecenter

Als kaum brauchbar hat sich der Foto-Viewer mit dem simplen Namen “Gwenview” herausgestellt. Einerseits kein richtiger Foto-Viewer, andererseits auch keine richtige Fotoverwaltung, bietet er zumindest (nicht gleich offensichtliche) Bearbeitungsfunktionen, die zumindest das Minimum abdecken. Was gefällt ist eine Resize Funktion, damit kann man Fotos in neuen Auflösungen speichern. Insgesamt okay, aber die Handhabbarkeit ist etwas gewöhnungsbedürftig und kompliziert.

Video- und Audiodateien waren ohne den VLC Player dem System gegenüber eher ein Fragezeichen. Also womöglich gar kein Support Out-of-the-box.

Spiele

Wie üblich kämpft man sich mit Steam und einigen Spielen aus dem Softwarecenter durch ein paar Schlachten, Ubuntu und der Linux Kernel als Basis und Steam mit Proton – Hier gibt es wie immer keine Besonderheiten, was läuft läuft. Blöd gesagt.

Fazit

KDE neon hinterlässt einen geteilten Eindruck. Einerseits ist das System altbacken genug, dass sich wohl jeder, der in den letzten 20 Jahren Windows verwendet hat, zurechtfinden wird. Anderseits ist das wiederum schade, da man auf neue Konzepte verzichtet.

Da man davon ausgehen muss, dass dies genauso gewünscht ist, ist am Ende eine Empfehlung für Einsteiger wie oft nur bedingt aussprechbar. Denn das System richtet sich wohl eher an Leute die sich gerne mit dem System beschäftigen – dafür hat man oft etliche Einstellungsmöglichkeiten in allen Bereichen.

Da spricht auch die Grundinstallation dafür – denn ohne Zusatzsoftware ist der Alltag nicht wirklich bewältigbar. Kein Videos, keine Musik, kein Office, kein Mailprogramm. Kurz gesagt muss man wissen was man braucht und es sich über das rudimentäre Softwarecenter besorgen. Das ist natürlich für Fortgeschrittene in Ordnung, für Neulinge aber kaum eine Option, vor allem wenn man von großen Systemen wechselt. Da sollte aber “kubuntu” aus der Ubuntu Linie Abhilfe schaffen, die liefern ein Softwarepaket von Haus aus mit.

So ist das Design, die Funktionen und die Handhabung eher Ansichtssache eines jeden Einzelnen. Das muss weder gut noch schlecht bedeuten, doch für Anfänger ist das System nichts. Wieder vermisst man Komfortfunktionen, das Design wirkt in der Basis gut, aber insgesamt oft verwirrend.

Die Softwareausstattung ist kaum vorhanden und auch wenn KDE neon alles in allem gut nutzbar ist, so ist es eher was für Menschen die auf ein traditionelleres System bauen wollen, das man aus Spaß an der Sache an jeder Ecke verändern kann. Gerade letztes ist für den einfachen User eher nutzlos, vor allem aber auch, da man sich lieber mit Inhalten, als mit dem System beschäftigen möchte.