Pop! OS 20.10 im Test

Ein System, das sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht hat. Der eigentlich Hardware-Anbieter System 76 baut es auf Ubuntu Basis und ändert einiges daran, damit es vor allem auf eigener Hardware gut läuft doch man kann es auch ohne entsprechender Hardware nutzen.

Info: Weil sich solche Tests auch über Wochen und teils Monate ziehen, kam es hier vor, dass ein großes Betriebssystem-Update erhältlich war – von der LTS 20.04 auf die 20.10er, welches ich nach etwa der Hälfte installiert habe.

Das System richtet sich auch eher an Professionelle, Stichwörter wie Deep Learning, Engeneering, Media Production und Bioinformatics finden sich auf der Website. Doch auch bei Spielern ist das System gefragt.

Installation

Wie immer gibt es hier kaum etwas zu berichten, da es sich am typischen Ubuntu-Installer orientiert. Hier sieht man erstmals das etwas eigenwillige Design. Laien brauchen wie so oft Hilfe beim ersten Installieren und Einrichten.

Erster Start

Flink dank SSD, ist man gleich am Login und dann auch schon eingeloggt. Der Desktophintergrund schreit einem quasi entgegen – das ist aber einfach das ausgewählte Bildchen. P! Da es wie viele auch auf GNOME baut, dabei aber auf Seitenleisten verzichtet, gibt es nicht gerade viel zu entdecken. Kenner des Systems wissen natürlich was sich links oben hinter “Aktivitäten” versteckt.

Der “nackte” Startscreen. Kann verwirrend sein für viele Neulinge

Die Leiste an der Oberseite ist immerhin soweit hilfreich, dass man grundsätzlich eine Ahnung haben könnte, was man als nächstes anklicken sollte. So spielt man womöglich mit dem Benarichtigungsmenü, dem Systemmenü und dann womöglich auch mit den Aktiväten. Und siehe da – hier sind ja die Apps und Programme.

Gleich am Anfang, wenn man zumindest mal einige Apps öffnet, springt einem das Design in die Augen. Ansich ist es etwas gedämpft, würde ich sagen, also nie aufdringlich oder ähnliches. Es ist alles aufgeräumt und wie von GNOME bekannt – recht simpel und übersichtlich.

Online gibt es übrigens eine schöne Beschreibung für alle Funktionen, in erster Linie leider auf Englisch – was manche wohl stören dürfte. Auf YouTube gibt es auch Erklär-Videos, da kann man Untertitel aktivieren und womöglich auch als nicht Englischsprechender sich zurechtfinden.

Anpassungen

System 76 lässt es sich nicht nehmen einiges selbst anzupassen. Neben dem Design sind das etwa der Pop! Shop. Also wo man neue Apps und Programme findet. Wiedermal geht man weg von den Snaps aus Ubuntu und findet mit klassischen DEB, aber immer öfter mit Flatpak den Weg wie man seine Apps auf den PC bekommt. Diese sind wie schon bekannt oft um einiges größer als DEB Pakete. Dem normalen Nutzer kann das allerdings recht egal sein, leider dauern Installationen und Updates deshalb aber auch länger und gesamt wird mehr Speicherplatz auf dem Gerät verlangt. Hier im Pop! Shop werden auch kleinere System und alle App-Updates gemacht. Das ist weniger verwirrend als Ubuntus dreifacher Weg.

Weiters wurde auch die Systemsteuerung angepasst, da man hier OS Updates, also “große” Betriebssystemupdates, eingepflegt hat. Aber nicht nur das – für eigene Laptops und Computer hat System 76 auch ein Firmwareupdate-Tool integriert, was sehr löblich ist.

Für vieles System DIE Innovation der letzten Jahre. Der Dark-Mode. Obwohl sonst eigentlich viel zu tun wäre.

Auch kann man das System in einen dunklen Modus schalten, sowie gibt es einen HiDPI Deamon – dieser adjustiert Auflösungen auf Monitoren automatisch, vor allem wenn diese eine hohe Auflösung haben. Etwas zum lernen sind die Tastaturkürzel – diese wurden um einige Sachen erweitert und werden vor allem dem gekonnten User der sich darauf einlässt, hilfreich sein. Gesamt muss man erwähnen, dass das System wohl von Haus aus auf Tastaturbedienung optimiert ist.

Etwas ganz eigenes ist wiederum der Window-Tiler, der sich absofort in der Leiste oben hinter einem eigenen Icon versteckt. Das ganze ist wohl für wirklich effektive Arbeit und größere Monitore ausgelegt, denn mit der Auto Funktion gibt es quasi kein Verschwenden von Displayplatz. Öffnet man mehrere Fenster, werden diese sofort in einem Raster angezeigt und angeordnet. Die Anordnung kann man selbst dank weiterer Shotcuts für die Tastatur anpassen.

Der Window Tiler bei der Arbeit
Kann es bei zu viel Fenstern auch zu gut meinen – also nur Fenster öffnen, die man wirklich braucht

Super (Windows Taste) und Enter öffnet als Beispiel für das aktuelle Fenster den Änderungsmodus, dann kann man mit den Pfeiltasten das Fenster umher schieben oder mit Shift und den Pfeiltasten die Fenstergröße anpassen. Das ganze funktioniert tatsächlich sehr gut und ich kann mir denken, dass es genug Szenarien gibt, wo solch etwas nützlich ist. Muss man selbst probiert haben und sich damit beschäftigen – dann geht es aber flux in den Arbeitsalltag über – wenn man ein Freund davon ist.

Design

Wie bereits erwähnt ist das Design zurückhaltend, fast erdig. Das Orange von Ubuntu könnte man beinahe im Schließen-Button für Fenster wiedererkennen, doch ist er etwas verwaschen, und so wirken auch die restlichen Farben. Das ist aber nichts schlechtes, da man so quasi Ruhe hat vom System und in den Einstellungen findet sich auch noch ein dunkler Modus, wenn das verbliebene Weiß noch immer zu viel ist.

Zu bekritteln gibt es in erster Linie die Anlehnung an alte Ubuntu Versionen. Ob gewollt oder nicht, es wirkt einfach wie eine alte Version von Ubuntu, da diese auch Fenster in einem Braunton hatten. Die erste Version mit dem neuen GNOME war 17.10 von Ubuntu, diese wurde noch an das alte Design angepasst, was eben zu der Gleichheit führt. Aber das nur ein Lustiges Detail am Rande.

Apps und Programme

Wie bei Ubuntu und GNOME basierenden Systemen, sind GNOME Apps auch von Haus aus dabei. Ganz vorne der Datei Manager, Kalender, Rechner, Geary für Mails und Firefox als Webbrowser runden wie oft das Paket ab.

Im Store konnte ich aber (bis auf Chrome) viele weitere wichtige Programme nachladen, VisualStudio Code oder Blender, Pitivi oder Inkscape. Gesamt keine großen Überraschungen, nur gibt es eben keine Snaps, sondern nur Flatpaks. Das dürfte den meisten wie gesagt egal sein, eher schade, dass es mal wieder keinen Standard in der Linux Welt gibt sondern drei oder vier Paketformate. Gratulation!

Im Store gibt es einiges zu entdecken

Da ich eben erst auf die 20.10er geupgraded habe, ist auch alles sehr aktuell. LibreOffice in Version 7, aber auch Thunderbird ist erstmals in der sehr veränderten Version 78 dabei. Skype, Spotify, Nextcloud Client, Steam, Tor Browser, VLC und sogar mal Syncthing zum testen – alles läuft wie gehabt und gewünscht.

Arbeitsalltag

Wie so oft gestaltet sich der Arbeitsalltag auch mit diesem System als recht problemlos. Wie bei anderen GNOME basierenden Systemen ist auch hier das Fehlen einer immer sichtbaren Leiste (da könnte das GNOME Team wirklich mal nachdenken entsprechende Möglichkeiten in den Einstellungen für verschiedene Anwendungsarten und Displaygrößen zur Verfügung stellen) mit den aktuell geöffneten Programmen ein Handicap, man verwendet dadurch viel eher die Tastatur – was Pop! OS womöglich genau so will. Das System ist wie erwähnt eher an Pros gerichtet und alleine der Window-Tiler spricht auch dafür.

Das ist nämlich wirklich eine ganz andere Arbeitsweise, die sozusagen das letzte Pixel aus jedem Monitor raus holt. Sofern man das Auto-Tiling aktiviert hat. Dann ordnet die Erweiterung einfach alle offenen Fenster immer schön nebeneinander und übereinander an – das ergibt nicht immer Sinn, dafür gibt es aber Shortcuts die das Ordnen und verändern der Größe erlauben.

Super-Taste und Enter lässt das aktuelle Fenster orange werden, dann kann man mit Shift und den Pfeiltasten die Größe ändern – und nur mit den Pfeilen die Anordnung. Das funktioniert auch ohne Auto-Tiling.

Auch ohne Auto-Tiling kann man diese Shortcuts verwenden und das wurde von mir auch etwas in den Alltag übernommen – am Laptop ist das mit Tastatur oft leichter als mit Touchpad. Was auch etwas nervig und wohl auch GNOME zuzuschreiben ist, dass man bei zwei Fenster des selben Programms nicht einfach zwischen ihnen mit ALT+Tab wechseln kann. Hat man als Beispiel zwei Browserfenster offen, muss man Alt+Tab halten, dann mit der Maus oder den Pfeiltasten auf das entsprechende Fenster navigieren. In der Aktivitäten-Übersicht werden die beiden Fenster aber sehr wohl separiert – soll mir mal jemand erklären warum das so gehandhabt wird.

In den Aktivitäten werden zwei Browser Fenster separiert – bei Alt+Tab zusammengefasst. Ist das so richtig?

Tochpad Support beschränkt sich wiedermal auf das Notwendigste – man muss immer zur Tastatur greifen. Zwei Finger sind in Ordnung – ab drei steht ihm wie bei anderem Systemen ein Fragezeichen im Gesicht. Wenigstens Aktivitäten öffnen wäre mal fein hinzu zu bekommen.

Bei der Fensterverwaltung ist mir auch noch aufgefallen, dass vor allem das “Minimieren” des Fensters oft vermisst wird. Maximieren und Fenstermodus lassen sich noch mit Doppelklicks bewerkstelligen, ansonsten braucht es eben einen Rechtsklick auf die obere Fensterleiste und dann kann man auch Minimieren.

Auch habe ich Grafik-Glitches in Fenstern, die ich von der Größer her ändere. Das wäre soweit das erste Mal – denn die Intel-Grafikkarte des Haswell Chips wird von Linux eigentlich ganz gut unterstützt.

WINE war wieder dabei und meine EXE Datei mit USB Unterstützung lief erst nach dem Installieren von WINE Stable und dann aus dem Terminal gestartet. Bin mir nicht sicher wo oft das Problem ist, da hatte ich in letzter Zeit allgemein wenig Glück.

Spiele

Wiederum gibt es hier das selbe zu berichten wie bei vielen andern Linux Systemen – Steam bietet wiederum alles was das Spielerherz begeht – mit gewissen bekannten Einschränkungen natürlich. Doch vieles läuft einfach, Anno 1404 nach wie vor nicht – das hat aber wohl eher mit Proton zu tun, welches Windows Spiele in Linux über Steam laufbar machen sollte.

SuperTuxKart konnte ich diesmal sogar mit Controller starten und spielen – ganz nett, brächte womöglich auch mal eine ordentliche Überarbeitung. Die Musik ist manchmal nicht gerade das, was man als antreibend oder motivierend ansehen würde.

Fazit

Nach einigen Monaten am Laptop lässt sich schonmal sagen, dass das System auf jeden Fall eine gute Figur macht und für den Arbeitsalltag auch sehr gut geeignet ist.

Dabei muss erwähnt werden, dass man sich eher an bereits erfahrenes oder professionellere Publikum wendet, der Einsteiger hat womöglich einige Probleme – wobei das bei vielen GNOME und/oder Ubuntu basierenden Systemen der Fall ist. Reines GNOME als Oberfläche ist für Anfänger und Menschen die sich nicht intensiver damit beschäftigen wollen, zu wenig. Es hat schon einen Grund warum Windows und MacOS Launcher-Buttons und Leisten immerzu anzeigen. Man legt zu viel Weg mit der Maus zurück, oder muss auf die Tastatur zurückgreifen.

Das Design des Systems würde ich nicht gerade als Offenbarung ansehen, ist aber ruhig und fügt sich wohl in das Gedankenspiel von System 76 ein. So ist es zumindest schnell von anderen Systemen unterscheidbar.

Kurzum: Entsprechendes Klientele dürfte mit dem System sehr zufrieden sein – für Laien aber nur eingeschränkt zu empfehlen.